Wie Sie die Bewertung einer Praxis selber ermitteln können

 

Die Kosten für den Kauf einer Praxis lassen sich natürlich nicht pauschal angeben. Der größte Kostenpunkt für Sie stellt der Kaufpreis der Praxis dar.

Dieser lässt sich aus ihrem Verkehrswert ableiten:

Grundsätzlich setzt sich der Verkehrswert einer Praxis aus ihrem materiellen Wert (Substanzwert genannt) und dem immateriellen Wert (ideeller Wert genannt) zusammen.

Im Prinzip kann der abgebende Arzt diese Werte selbst berechnen. Da vor allem der ideelle Wert jedoch recht aufwendig zu ermitteln ist, empfiehlt es sich, dass Sie einen externen Gutachter hinzuziehen. In jedem Fall sollten Sie in die entsprechenden Unterlagen des abgebenden Arztes Einsicht nehmen. Wenn Sie sich die Jahresabschlüsse der letzten 3 Jahre aushändigen lassen, können Sie den Verkehrswert auch selbst ermitteln:

Der Substanzwert (materieller Wert) ist recht schnell ermittelt: Dieser entspricht den Veräußerungserlösen, die bei einer Liquidation zu erzielen wären, also dem Erlös, der zu erzielen wäre, wenn alle Vermögenswerte zu aktuellen Marktpreisen verkauft würden. Ausgehend von der Gewinn- und Verlustrechnung oder der Bilanz des Verkäufers werden die Werte jedes Wirtschaftsgutes der Praxis addiert. Dazu gehören zum Beispiel die Praxiseinrichtung, die medizinischen Geräte, Büroausstattung, das medizinischen Material usw. Sollte die Praxisimmobilie im Besitz des Praxisverkäufers sein (und soll auch veräußert werden), ist diese miteinzubeziehen.

Der ideelle Wert (immaterieller Wert) soll abbilden, wie viel Gewinn die Praxis in Zukunft erwirtschaften kann. Vor allem die Anzahl und Bindung der Patienten, der Standort, die Organisation der Praxis, die Fachrichtung und die Leistungsfähigkeit der Praxis fließt in diesen Wert mit ein

Ertragswertformel zur Berechnung:

Übertragbarer Umsatz – übertragbare Kosten = übertragbarer Gewinn

übertragbarer Gewinn – alternatives Ärztegehalt = nachhaltig erzielbarer Gewinn

nachhaltig erzielbarer Gewinn x Prognosemultiplikator = Ideeller Wert

Vom übertragbaren Umsatz (der bereinigte, durchschnittliche Umsatz aus den letzten 3 Kalenderjahren vor dem Jahr der Bewertung) werden zunächst übertragbare Kosten (durchschnittliche bereinigte Kosten aus den letzten 3 Jahren) abgezogen, das Ergebnis stellt den übertragbaren Gewinn dar.

Von diesem übertragbaren Gewinn wird im nächsten Schritt ein alternatives Ärztegehalt (…% von 76.000 Euro, die 2008 als durchschnittliches Bruttogehalt für Ärzte angesetzt wurden) abgezogen. Die Höhe des Abzugs richtet sich nach der Höhe des ermittelten übertragbaren Gewinns. Die Höhe des Prozentsatzes steigt mit der Höhe des übertragbaren Gewinns, ab 240 Tsd. Euro liegt er bei 100%.

Bei einem übertragbaren Umsatz ab…

  • … 40 Tsd. Euro sind 20%;
  • … 65 Tsd. Euro sind 30%;
  • … 90 Tsd. Euro sind 40%;
  • … 115 Tsd. Euro sind 50%;
  • … 140 Tsd. Euro sind 60%;
  • … 165 Tsd. Euro sind 70%;
  • … 190 Tsd. Euro sind 80%;
  • … 215 Tsd. Euro sind 90%;
  • … 240 Tsd. Euro sind 100 %;
  • … des Arztgehalts abzusetzen.

8 Ein Beispiel für die Ermittlung des alternativen Ärztegehaltes

Beispiel 1

Bei einem übertragbaren Umsatz ab 40 Tsd. Euro müssen 20% der 76.000 Euro vom übertragbaren Gewinn abgezogen werden, also 15.200 Euro.

Beispiel 2

Bei einem übertragbaren Umsatz von 243.000 Euro müssen 100% von 76.000 Euro vom übertragbaren Gewinn abgezogen werden, also 76.000 Euro. Die 76.000 Euro wurden übrigens 2008 als Ausgangswert angesetzt, wobei künftige tarifliche Anpassungen theoretisch berücksichtigt werden sollten, praktisch hat es hier jedoch noch keine Änderung gegeben.

Nun müssen Sie das so ermittelte alternative Ärztegehalt vom übertragbaren Gewinn abziehen, um den nachhaltig erzielbarer Gewinn zu erhalten.

Ermittlung nachhaltig erzielbarer Gewinn

Beispiel 1

Sie haben einen übertragbaren Umsatz von 40.000 Euro abzüglich übertragbarer Kosten von 22.000 Euro. Das macht einen übertragbaren Gewinn von 18.000.

Von diesem ziehen Sie 15.200 Euro alternatives Ärztegehalt ab und kommen damit auf einen nachhaltig erzielbaren Gewinn von 2.800 Euro.

Beispiel 2

Sie haben einen übertragbaren Umsatz von 243.000 Euro. Abzüglich übertragbarer Kosten von 127.000 Euro macht das einen übertragbaren Gewinn von 116.000 Euro. Von diesem ziehen Sie das volle alternative Ärztegehalt von 76.000 Euro ab und kommen damit auf einen nachhaltig erzielbaren Gewinn von 40.000 Euro.

 

Ermittlung des ideellen Wertes

Um davon ausgehend auf den ideellen Wert der Praxis zu kommen (der ja eine Prognose für die Zukunft darstellt), muss der nachhaltige Gewinn mit einem Prognosemultiplikator multipliziert werden. Dieser richtet sich nach der Anzahl der Jahre, von der man vermutet, dass die Patientenbindung durch die bisherige Tätigkeit Ihres Vorgängers bestehen bleibt. Als Prognosemultiplikator wird bei einer Einzelpraxis meist von der Zahl 2 ausgegangen.

Beispiel 1

2.800 Euro x 2 = 5.600 Euro ideeller Wert

Beispiel 2

40.000 Euro x 2 = 80.000 Euro ideeller Wert

Wenn der von Ihnen oder einem Gutachter ermittelte Wert etwas von dem ermittelten Wert des Verkäufers abweicht, sollte Sie das zunächst nicht verunsichern. Damit haben Sie zwei Verhandlungspositionen und können sich im Zuge der Kaufverhandlungen in der Mitte treffen.

Der ermittelte Verkehrswert der Praxis entspricht sowieso nicht zwingend dem Kaufpreis. Dieser hängt auch von vielen äußeren Umständen ab – in welchem Gebiet die Praxis liegt, wie die Infrastruktur ist, wie lange Ihr Vorgänger gearbeitet hat u.v.m.

Außerdem richtet er sich auch nach Angebot und Nachfrage. Die beste Verhandlungsposition haben Sie natürlich, wenn es nur wenige oder keine anderen Interessenten gibt.

In der Regel wird jedoch davon ausgegangen, dass der errechnete ideelle Wert sich um nicht mehr als 20 % verändert.

Bedenken Sie dabei auch, dass der Praxisverkauf für den Verkäufer häufig sehr emotional ist. Sein gefühlter Wert für die Praxis, in die er viel Herzblut gesteckt hat, ist dabei möglicherweise höher, als der tatsächlich errechnete. Hier ist sensibles Verhandlungsgeschick notwendig.

Versuchen Sie, die Verhandlung möglichst von der emotionalen auf die sachliche Ebene zu verlagern.

Dem gefühlten Wert des Verkäufers kann man z.B. durch ein fachmännisches Gutachten entgegentreten und ihn so ggf. zum Umdenken bewegen.

Sollten Sie jedoch von Anfang an sehr weit mit Ihren Preisvorstellungen auseinanderliegen, sollten Sie sich genau überlegen, ob Sie in einen Gutachter investieren wollen.

Hier lohnt es sich eventuell, abzuwarten und die Entwicklung dieses Praxisverkaufes weiter zu beobachten: Findet der Verkäufer über einen längeren Zeitraum hinweg keinen Nachfolger, ist er auf Nachfrage hin vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt doch bereit, mit seinen Preisvorstellungen herunter zu gehen.

Es ist also wichtig, dass Sie einen kühlen Kopf bewahren und auch nicht vor externer Beratung und Unterstützung zurückschrecken.

Verkehrswertermittlung

Der Verkehrswert entspricht dem Preis, der im gewöhnlichen Geschäftsverkehr zu einem gewissen Zeitpunkt an einem gewissen Ort zu erzielen wäre. Dabei sind alle Umstände, die den Wert beeinflussen, zu berücksichtigen. Ungewöhnliche und persönliche Verhältnisse bleiben außer Acht.

Wert                           = in Geld ausgedrückte Vorstellung der Menschen von Nützlichkeit eines Gutes (zukünftiger Nutzen)

Preis              = Konkrete gezahlte (geforderte) Gegenleistung für ein Gut

Zugewinnausgleich /  = keine Preisbildungsphase möglich Streitigkeiten in BAG

Begriff des Verkehrswert

Der Preis, der sich für ein Unternehmen „zu einem gewissen Zeitpunkt / an einem bestimmten Ort / im gewöhnlichen Geschäftsverkehr“ bilden würde, dieser ist:

  • Unabhängig von bestimmten Käufern oder Verkäufern
  • Bestehende Kauf- bzw. Verkaufsbereitschaft
  • Keine außergewöhnlichen Umstände

Heute sehr wichtig: Ort / Zeitpunkt / Marktsituation → Der Verkehrswert ist der marktkonforme Wert „wahre Wert“